15 Sep

Mehrsprachigkeit und Stigmatisierung

In solchen Zeiten wie diesen, wo rechtsextreme Gedanken einen immer größeren Platz in der öffentlichen Debatte einnehmen, Migration durch Flucht ein in den Medien täglich präsentes Thema ist und Menschen angesichts der sanitären Lage auch noch Angst um ihre Gesundheit und um ihren Job haben, so werde ich immer sehr unruhig, wenn die immer wiederkehrende Schein-Problematik der Mehrsprachigkeit auftaucht. 

Vor einigen Tagen z.B., betitelte die Tagesschau eine Video-Sequenz mit den Wörtern: „Kaum Deutsch zu Hause spricht jedes fünfte Kind.“ (Siehe hier: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-753005.html).

Diese dramatisch dargestellte Tatsache hat nur eins zur Folge: die Stigmatisierung der betroffenen Kinder und ihrer Eltern. Und da frage ich mich: Was macht das mit den Menschen, die sich das anschauen? Inwiefern beeinflusst es ihre Perspektive auf mich und meine Kinder, die (auch) eine andere Sprache sprechen? 

Dass ein Kind zu Hause kein Deutsch spricht ist an sich kein Hindernis für seine Sprachentwicklung. Das haben Wissenschaftler*innen inzwischen schon oft genug bewiesen. Für eine gelungene Entwicklung ihrer Sprachkompetenz – u.a. im Deutschen – sind viele Faktoren verantwortlich – aber nicht dieser. Das größte Problem ist oft, dass die Eltern, die mit ihren Kindern eine andere Sprache sprechen, einfach nicht über das nötige Wissen und manchmal auch nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, um die Sprachkompetenz ihrer Kinder im Deutschen – trotz der Abwesenheit dieser Sprache zu Hause – zu fördern. Genau wie es in Familien passiert, wo nur Deutsch gesprochen wird. Auch da ist die Sprachkompetenz unter den Kindern enorm unterschiedlich. 

Einer der vielen Faktoren der Sprachentwicklung ist die Einstellung zu den Sprachen und zur Mehrsprachigkeit seitens des Umfelds. Spürt das Kind eine Abneigung gegenüber der einen oder der anderen Sprache, so wirkt sich das negativ auf seine emotionale – und somit indirekt gesamte sprachliche – Entwicklung. Und leider geniessen nicht alle Sprachen denselben Prestige. Während Sprachen wie englisch, französisch oder chinesisch in Deutschland gut angesehen werden – weil sie mit sozialem Aufstieg assoziiert werden, werden Sprachen wie arabisch oder türkisch oft mit negativem Blick betrachtet. 

Doch zweifeln Sie nicht an Ihnen und an Ihrer Entscheidung. Ihre Muttersprache, egal welche das ist, ist ein Teil von Ihnen, Ihrer Geschichte, und auch diesen dürfen Sie Ihrem Kind weitergeben. Aber eins ist klar: eine gelungene Mehrsprachigkeit kommt nicht von allein. Es erfordert einen aktiven und bewussten Umgang. 

Haben Sie Fragen oder Bedenken? Schreiben Sie mich gerne an! 

18 Jun

Kinder of color als Held*innen in Bilderbüchern

Wer mit mehreren Sprachen im Alltag zu tun hat, hat auch mit mehreren Kulturen zu tun. Wer mit mehreren Kulturen zu tun hat, hat mit Migration zu tun und wer mit Migration zu tun hat, hat manchmal auch mit der Hautfarbe-Thematik zu tun – in vielen Familien fragt das Kind irgendwann: “Mama/Papa, warum ist meine Haut schwarz und nicht weiß?” Doch nicht nur die Kinder, die mit mehreren Sprachen, mehreren Kulturen und mit Migration in ihrem Familienalltag zu tun haben, sollten sich mit der Thematik befassen, dass alle Kinder, egal welche Hautfarbe sie haben, gleich sind.

Mein heutiger Beitrag, Sie haben es schon erahnt, nimmt Bezug auf die aktuelle Situation und die antirassistische Bewegung, die uns nochmals deutlich machen, dass der Weg zu einer Gesellschaft in der alle gleich behandelt werden, immer noch lang ist. Ein Blick in die Kinderliteratur macht es umso deutlicher: Kinder mit einer nicht weißen Hautfarbe sind nur selten präsent und wenn, dann nur in einer Nebenrolle. An der Stelle möchte ich auf einen sehr spannenden Artikel verweisen => https://www.goethe.de/de/kul/lit/20744202.html.

Kleine Kinder, die eine nicht weiße Hautfarbe haben, sollten sich mit Held*innen aus der Kinderliteratur identifizieren können, die ihnen ähnlich sind. Kleine Kinder, die eine weiße Hautfarbe haben, sollten sich mit Held*innen aus der Kinderliteratur identifizieren können, die eben nicht ihre Hautfarbe haben. Sie sollten damit aufwachsen, dass die Hautfarbe überhaupt keine Rolle im Leben spielt. Kinder mit einer nicht weißen Hautfarbe, sollten ganz selbstverständlich die Hauptfigur von Kinderbüchern sein, ohne dass Themen wie Rassismus, Migration oder Integration in der Geschichte thematisiert werden, ohne dass Clichés die Geschichte prägen. Sie sollten ganz selbstverständlich dazugehören und ganz selbstverständlich – wie jedes andere Kind namens Conni oder Max – im Zentrum stehen. Diese Kinder haben das Recht, ihre Identität selbst finden zu können und sich mit ihrer Hautfarbe wohl zu fühlen.

Als ich mich auf die Suche nach Bilderbüchern mit dunkelhäutigen Kindern als Hauptfigur begab merkte ich wie mühsam es ist, welche in deutscher Sprache zu finden. Im englisch-, französisch- und spanischsprachigen Raum gibt es wesentlich mehr. Daher gibt es heute von mir auch Bücher, die – meines Wissens nach – nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
In dem Bereich empfehle ich unter vielen anderen:

Die Reihe mit der Hauptfigur Lola
Autor/Illustration: McQuinn, Anna / Rosalind Beardshaw
Englisch/Spanisch: Charlesbridge
– Ab 2 Jahren –

Full, Full, Full of Love
Autor / Illustration:Cooks, Trish / Paul Howard
Englisch: Walker Books
Französisch: Père Castor-Flammarion
– Ab 3 Jahren –

Yo, Jo!
Autor: Isadora, Rachel
Englisch: Harcourt, Brace & Co
– Ab 3 Jahren –

Whistle for Willie
Autor: Ezra Jack Keats
Englisch:Viking Books for Young Reader
Französisch: Didier Jeunesse
Spanisch: Turtleback Book
– Ab 3 Jahren –

Last Stop on Market Street
Autor/Illustration: Matt De La Pena / Christian Robinson
Englisch: Puffin
Französisch: Les Editions des Eléphants
Chinesisch: CITIC Press Corporation
– Ab 4 Jahren –

All Are Welcome
Autor/illustration: Alexandra Penfold / Suzanne Kaufman
Englisch: Knopf Books for Young Readers
– Ab 4 Jahren –

David’s Drawings
Autor: Falwell, Cathryn
Englisch/Spanisch: Lee & Low
– Ab 4 Jahren –

The Colors of Us
Autor: Katz, Karen
Englisch: Econo-Clad Books
– Ab 4 Jahren –

BÜCHER, DIE IN DEUTSCHER SPRACHE VORHANDEN SIND:

Zehn kleine Finger (Aladin Verlag)
Autor / Illustration: Mem Fox/ Helen Oxenbury
Weitere Sprachen/Verlage: English/Walker Books; Französisch/Gallimard Jeunesse; Spanisch/Kalandraka
– Ab 1 Jahr –

Morgens bei uns! (Circon Verlag)
Autor/Illustration: Kim Crocket Corson/ Jelena Brezovec
– ab 2 Jahren –

Ein Freund für den kleinen Drachen (Thienemann Verlag)
Autor: Lemmens, Riske
Weitere Sprachen/Verlage: Englisch/Mantra Lingua; Französisch/Pastel
– Ab 2 Jahren –

Kalle und Elsa
Autor/Illustration: Jenny Westin VeronaJesús Verona
Französisch/Cambourakis; niederländisch: Querido;
– ab 3 Jahren –

Yo! Yes? (Carl Hanser Verlag)
Autor: Raschka, Chris
Weitere Sprachen/Verlage: Englisch/Scholastic; chinesich/Liao Ning Er Tong Chu Ban She/Tsai Fong Books; Französisch/La joie de lire;
– Ab 4 Jahren –

Zwei Meter bis zum Meer (Edition Orient)
Ohne Text
Illustrator: Bruna Barros; Nachwort: Martina Ducqué
– Ab 4 Jahren –

Rosa Parks: Little People, Big Dreams (Insel Verlag)
Autor: Lisbeth Kaiser; Illustrator: Marta Antelo
Weitere Sprache/Verlag: Englisch/Frances Lincoln
– Ab 4 Jahren –

Julian ist ein Meerjungfrau (Knesebeck Verlag)
Autor: Jessica Love

Weiter Sprachen/Verlage: Englisch/Walker Books Ltd; Französisch/EDL; niederländisch/Randazzo
– ab 4 Jahren –


Kennen Sie noch Bücher, mit dunkelhäutigen Kindern in der Hauptrolle, die Sie uns empfehlen können? Schreiben Sie gerne in die Kommentare rein!

28 Apr

5 Dinge, die Eltern mehrsprachig aufwachsender Kleinkinder wissen sollten

1) Dass man mit seinem Kind von Anfang an und konsequent in einer bestimmten Sprache spricht, führt nicht unbedingt dazu, dass es diese Sprache auch aktiv sprechen wird

Viele mehrsprachig erziehende Eltern stellen irgendwann fest, dass ihr Kind nur noch die Landessprache spricht. Geht ihr Kind in den deutschsprachigen Kindergarten, ist dies oft ganz natürlich. Das Kind weiß meistens, dass es von Mama/Papa im Deutschen auch verstanden wird, und so verliert die Nicht-Landessprache an Relevanz – auch wenn das Kind diese Sprache von Geburt an und immer sehr konsequent von Mama oder Papa gehört hat. Die Aneignung einer Sprache bedarf einer aktiven Förderung und entsprechender Bedingungen. Besonders auf eine positive Einstellung und ein ausgeglichenes Sprachangebot sollte geachtet werden. 

2) Struktur ist wichtig, Flexibilität aber auch

Spricht man mit seinem Kind in einer bestimmten Sprache, so ist es nicht schlimm, wenn man mit ihm auf dem Spielplatz, in der Kita-Garderobe oder allgemein in der Öffentlichkeit mal in der Landessprache spricht. Manche Eltern fragen sich, ob es ihr Kind verwirren könnte. Doch das wird es nicht. Es ist allerdings wichtig, einer klaren Linie zu folgen, von der man mal abweichen darf. Man möchte manchmal einfach von anderen Kindern oder Eltern verstanden werden bzw. – was viele Eltern berichten, die zu mir zur Beratung kommen – man möchte sich nicht als „Fremde/r“ fühlen. Hier würde ich trotzdem empfehlen, so gut es geht in der eigenen Sprache zu bleiben und eventuell nochmals für andere Anwesende im Deutschen zusammenzufassen oder zu übersetzen, was dem Kind gerade gesagt wurde. Es ist ein wahrer Jonglage-Akt. Beides ist wichtig: dass das Kind mitbekommt, dass man sich dem Sprachumfeld anpassen sollte (also in dem Fall deutsch sprechen sollte), aber auch dass es keinen Grund hat, sich dafür zu schämen, in seiner anderen Muttersprache zu sprechen. 

3) Das strikte Ein-Elternteil-Eine Sprache-Modell ist nicht das Einzige, das funktioniert

Für viele Paarbeziehungen, in denen zwei oder mehrere Sprachen gesprochen werden, ist vor der Geburt des Kindes schon klar, dass sie sich die Sprachen aufteilen werden, d.h. dass der eine Elternteil mit dem Kind immer nur eine Sprache sprechen wird und der andere immer die andere Sprache. In vielen Familien- und Sprachkonstellationen macht das so am meisten Sinn. Doch es ist nicht das Einzige, was funktioniert. Manchmal wäre sogar eher zu empfehlen, sich für ein anderes Modell zu entscheiden. Sprechen z.B. beide Eltern beide Sprachen auf muttersprachlichem Niveau, könnte das Ein-Raum-Eine-Sprache-Modell (d.h. dass zu Hause nur die Nicht-Landessprache gesprochen wird) durchaus die beste Strategie sein. Dabei gilt es aber bestimmte Regeln zu befolgen, wie z.B. dem frühzeitigen Eintritt in den deutschsprachigen Kindergarten (am Besten spätestens im Alter von etwa 2,5 Jahren). 

Manchmal kann es empfehlenswert sein – zumindest für eine gewisse Zeit – die Strategie zu wechseln, z.B. wenn die Eltern feststellen, dass die Nicht-Landessprache gar nicht mehr aktiviert wird. Man muss immer schauen, wie sich alle Familienmitglieder wohlfühlen und wie man es so gestalten kann, dass einerseits die Nicht-Landessprache nicht zu kurz kommt und andererseits die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass die Landessprache sich spätestens ab Eintritt in den Kindergarten altersgerecht entwickeln kann.

Grundsätzlich sollte man mit seinem Kind hauptsächlich in seiner Herzenssprache sprechen – d.h. in der Sprache, in der man alles ausdrücken kann und sich am Wohlsten fühlt.

4) Intensives Mischen der Sprachen ist kein Grund zur Sorge

Kinder, die mit zwei oder mehreren Sprachen aufwachsen, durchlaufen eine Phase des Mischens. Sie übertragen nicht nur Wörter von der einen Sprache in die andere, sondern auch grammatikalische Muster und Regeln. Das ist vollkommen normal und gehört zum Erwerbsprozess dazu. Bis sie etwa 4 Jahre alt sind, legt sich das meistens. Wichtig ist hier, als Elternteil immer konsequent zu bleiben und für das Kind das beste Vorbild zu sein, d.h. selbst die Sprachen nicht zu mischen. 

5) Bilinguale Erziehung allein kann kein Kind überfordern

Das Sprachenlernen wird mehrsprachig aufwachsenden Kindern nicht dadurch erschwert, dass sie mehrere Sprachen gleichzeitig lernen müssen. Diese Bedingung allein kann nicht der Grund für eine Überforderung bzw. eine Sprachstörung sein. Allerdings bedarf der Spracherwerb, genau wie bei monolingualen Kindern, günstige Bedingungen. Das Sprachumfeld – d.h. die Zuwendung und das Sprachangebot der Eltern – spielt dabei eine wesentliche Rolle, aber auch die Gesamtentwicklung des Kindes ist entscheidend.

02 Mrz

Was ist eine erfolgreiche mehrsprachige Erziehung?

Ich unterhielt mich letztens mit einer Mutter, die zu mir zur Beratung gekommen war. Sie erzählte mir wie sie sich neulich gefühlt habe, als sie in der Kita hörte wie andere Kinder, die so wie ihre Tochter mehrsprachig aufwachsen, auch wirklich aktiv beide Sprachen nutzten. Das hat sie völlig verunsichert da ihre Tochter seit einer langen Zeit fast nur Deutsch mit ihr spricht. Dies brachte mir zu der Idee, diesen Beitrag zu schreiben, um allen, die sich vielleicht auch mal in einer solchen Gefühlslage befanden oder befinden werden, Mut zu machen.

Es ist ein schöner sonniger Nachmittag, Sie holen Ihr Kind von der Kita ab und freuen sich darüber, nach einem anstrengenden Arbeitstag mit ihm Zeit zu verbringen. Ihr Kind sieht Sie, umarmt Sie, zusammen und voller Freude gehen Sie in die Garderobe. 

Doch da hören Sie es: das eine Kind, das mit seinem Papa Deutsch spricht und in der Sekunde danach seine Mutter auf Chinesisch anspricht. Und da gleich das nächste Kind, das seinem Vater auf Englisch antwortet. Schon ist Ihre gute Laune verschwunden. Denn Sie denken sich: Warum spricht mein Kind eigentlich immer nur Deutsch mit mir? Warum funktioniert das bei uns nicht? Was machen wir falsch? Vielleicht sollten wir es lieber sein lassen mit der Zweisprachigkeit, das ist schon ganz schön anstrengend und das klappt sowieso nicht.

Doch haben Sie schon überlegt, inwiefern die Bedingungen in denen diese beiden Kinder mit zwei Sprachen aufwachsen von den Bedingungen abweichen, in denen Ihr Kind mehrsprachig aufwächst? Haben Sie z.B. schon überlegt, welche Sprache die Eltern miteinander sprechen? Wie die Balance zwischen Landessprache und Nicht-Landessprache ist? Haben Sie schon überlegt, wie viel Input Ihr Kind in der Nicht-Landessprache bekommt? Das ist nämlich sehr entscheidend. Entscheidender noch ist, sich nicht verunsichern zu lassen. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, gehen unterschiedliche Phasen durch. Und da ist nicht nur die Art und Weise wie die Eltern damit umgehen von Familie zu Familie sehr unterschiedlich, sondern auch wie die Kinder darauf reagieren. „Jedes Kind ist anders“ hört man oft genug, doch auch hier hat es eine große Bedeutung. Manche Kinder lernen die Nicht-Landessprache eine lange Zeit nur passiv – d.h. dass sie diese kaum aktivieren, dafür aber sehr viel bzw. alles verstehen. Irgendwann kommt sicherlich der Zeitpunkt, an dem sie diese Sprache auch mehr sprechen wollen. Hier heißt es: haben Sie Geduld und bleiben Sie dran! 

Haben Sie sich schon darüber Gedanken gemacht, was eine erfolgreiche mehrsprachige Erziehung eigentlich ist bzw. ausmacht? Ist eine erfolgreiche Mehrsprachigkeit automatisch eine in der das Kind mit vier Jahren konsequent jedes Elternteil in der von den Eltern erwünschten Sprache anspricht? Muss das Kind in beiden Sprachen gleich fit sein? Ich kann Sie beruhigen: so ist es nicht. 

Wussten Sie, dass eine ausbalancierte Mehrsprachigkeit eher die Ausnahme ist? Kinder lernen die Sprache dort, wo sie auch Input bekommen. Die Sprachkompetenz ist Kontextabhängig: Spreche ich gerade über meinen Tag in der deutschsprachigen Kita, wende ich lieber das Deutsche an, weil es mir leichter fällt. Spreche ich aber über den Urlaub bei Opa und Oma in Spanien, fällt es mir im Spanischen leichter. Das ist ganz natürlich und es braucht seine Zeit, bis die Kinder über alle möglichen Themen mit derselben Leichtigkeit sprechen können. Und vor allem, dies erfordert eine aktive Förderung der Eltern.  

In meinen Augen ist eine erfolgreiche Mehrsprachigkeit eine Mehrsprachigkeit in der das Kind ein positives Verhältnis zu seinen Sprachen und zur Sprache generell hat, dass es motiviert ist, sich sprachlich weiter zu entwickeln, auch wenn die eine Sprache eine Weile die von ihm meist aktivierte Sprache bleibt. Wichtig ist, es verweigert die andere Sprache nicht völlig, sondern aktiviert sie in gewissen – auch wenn nur punktuellen – Situationen – z.B. wenn es mit den Großeltern auf der anderen Seite der Grenze telefoniert. 

Behalten Sie im Auge, dass passives Lernen auch Lernen ist. Bieten Sie Ihrem Kind genug Input und erhöhen Sie die Funktionalität Ihrer Sprache. Es weiß, dass Sie Deutsch auch sehr gut können – warum sollte es mit Ihnen dann auf Spanisch reden obwohl es ihm im Deutschen leichter fällt? Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind einen Sinn darin sieht, in Ihrer Sprache mit Ihnen zu sprechen. Alle Mühen werden sich in Zukunft sicherlich lohnen und Ihr Kind wird Ihnen dankbar sein. 

06 Feb

„mehrsprachige Erziehung“ oder eher mehrsprachiges Aufwachsen

Überall wird von „mehrsprachiger Erziehung“ gesprochen und auch ich, verwende den Begriff für.

Für uns Eltern geht es dennoch nicht darum, unsere Kinder mehrsprachig zu „erziehen“, sondern es geht vielmehr darum, dass wir sie in ihrer Sprachentwicklung begleiten, d.h. dass wir für sie die Lust und den Spaß an einer Sprache von Anfang an erwecken, sie neugierig machen, sie dafür begeistern und dadurch ihre Eröffnung zur Welt fördern. Sprache lernen ist zuerst eine intuitive, emotionale Sache, die nur im Miteinander und in der Mensch-zu-Mensch-Interaktion entstehen und sich gut entfalten kann. Sprachen lernen ist Emotion und Bindung, Sprachen lernen ist aufwachsen und aufblühen. Sprachen lernen ist primär Herzenssache.

03 Feb

Warum „Herzenssprachen“?

Oft wird mich gefragt: „Warum eigentlich Herzenssprachen?“. Ich freue mich immer sehr, eine Antwort auf diese Frage geben zu dürfen, und das möchte ich auch hier in diesem Beitrag tun.

Die Idee für diesen Namen entstand als ich den Satz der Sprachwissenschaftlerin Frau. Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebertbzgl. Migrantenkindern in einem Artikel (Link findet Ihr unten) las: „[…]die Sprache, die die Eltern dieser Kinder sprechen, also die Herkunftssprache, [ist] auch oft ihre Herzens- und Familiensprache […]. Also die Sprache, in der sie Geborgenheit spüren, in der sie die Liebe ihrer Eltern spüren“. 

Da dachte ich mir: „Ja, das ist es, das ist der Kern der ganzen Sache.“ Heute weiß man, dass der Aufbau einer emotionalen Bindung für den Spracherwerbsprozess äußerst wichtig ist. Und diese emotionale Bindung kann nur dann entstehen, wenn wir, als Mütter und Väter, unseren Kindern Geborgenheit und Liebe bzw. die feinsten Gedanken aus der Seele und Gefühle aus dem Herzen durch unsere Sprache vermitteln können, d.h. wenn wir mit unseren Kindern in unserer Herzenssprache (in der Sprache, die uns am Nächsten liegt) sprechen – und meist ist es unsere Muttersprache. 

Aber es ist nicht alles was dahinter steckt.

Mit dem Namen Herzenssprachen will ich auch meine Einsicht vermitteln, dass uns Menschen, jenseits von Sprachbarrieren, eine Sprache verbindet: Die des Herzens. Wir alle empfinden die gleichen Gefühle und Emotionen: Glück, Trauer, Wut, Stolz, Liebe, Mitgefühl; nur wir drücken diese einfach anders aus, jeder in seiner eigenen Sprache. Wer in der Lage ist, mit seinen Mitmenschen mit dem Herzen zu sprechen, d.h. wer in der Lage ist, jenseits von Kulturunterschieden mit seinen Mitmenschen mitzufühlen – du fühlst Trauer? Ich traue mit dir; du fühlst Wut? Ich fühle mit dir; Du denkst anderes als ich? Ich respektiere es, ohne dich zu verurteilen –  der ist ein wichtiger Baustein im Aufbau einer pluralen, vielfältigen und toleranten Gesellschaft. 

In unseren mehrsprachig aufwachsenden Kindern steckt dieses Potenzial umso mehr, als sie mit zwei (oder mehr) Sprachen und gleich auch mit mehreren Kulturen aufwachsen. Dadurch lernen sie von Anfang an, mit Andersartigkeit umzugehen bzw. einen Standpunkt immer von zwei Perspektiven aus zu betrachten. Das beginnt damit, dass sie schon im Kleinkindalter irgendwann begreifen, dass es für einen Gegenstand mehrere Wörter geben kann und dass in jedem dieser Wörter womöglich unterschiedliche Nuancen stecken. Im Deutschen ist die Sonne z.B. weiblich, im Französischen männlich (le soleil). Solche Nuancen prägen unbewusst unsere Wahrnehmung der Welt. Gleich zwei Wahrnehmungen zu haben, verstärkt demnach die Fähigkeit zur Weltoffenheit und Toleranz.  

Unsere Kinder werden allerdings nur dann so weltoffen und tolerant werden, wenn wir, als Eltern, eine positive Einstellung zu den diversen Sprachen und Kulturen haben und diese ihnen vermitteln. Allein mehrsprachig aufzuwachsen reicht nicht aus, es braucht die passende Begleitung;  auch damit später keine Probleme in der Selbstfindung unserer Kinder auftreten bzw. damit sie keine Schwierigkeiten haben, Brücken von der einen Kultur zur anderen zu schlagen.

Link zum Artikel: https://www.pnn.de/wissenschaft/fachhochschule-clara-hoffbauer-potsdam-muttersprachen-sind-herzenssprachen/23897694.html (zuletzt abgerufen: am 03.02.20)

21 Jan

Mehrsprachig und multikulti – was das für den Familienalltag bedeutet

Mehrsprachige Familien sind oft auch multikulti-Familien – und das bringt Herausforderungen mit sich. Warum es sich im Sinne der Sprachentwicklung lohnt, diese Herausforderungen möglichst mit einer positiven Einstellung zu begegnen, lesen Sie in diesem Beitrag.

Der Duft von leckerem Essen, das sanfte Läuten von Tee-Löffeln gegen den Rand von Teegläsern, ein rappelvoller Kühlschrank – kein Zweifel: Babaanne ist da. Seit ein paar Tagen ist L.’s Oma (im Folgenden babaanne genannt, Oma auf türkisch) bei uns zu Besuch. Für mich ist es eine gute Gelegenheit, unsere Situation als multikulturelle Familie zu reflektieren. 

Sowie immer wenn die Großeltern da sind, egal ob meine Eltern oder eben babaanne, ändert sich für eine Zeit unser Kosmos. Es bringt uns Abwechslung, tut uns allen gut. L. (den Namen unseres Kindes möchte ich nicht öffentlich machen) genießt die vollständige Aufmerksamkeit, wir genießen es, ein bisschen Zeit für uns zu haben. Zum Beispiel wenn er am Morgen in babaannes Bett kriecht und mit ihr kuschelt, und uns somit mehr Zeit lässt, in Ruhe aufzustehen – liebe Eltern ich bin mir sicher, Sie wissen wie kostbar das ist! – 😉 

Doch leicht war es am Anfang – d.h. in den ersten Monaten nach seiner Geburt – nicht. Vor allem ich musste zuerst lernen, mit dem Zusammenprallen von drei Kulturen gelassen umzugehen, sogar lernen, davon zu profitieren. 

Als L. klein war, hatte ich oft das Gefühl, zwischen drei Stühlen – sprich drei Kulturen – zu stehen. Das hat mir am Anfang das Leben teilweise schwer gemacht. Bei uns sind drei Kulturen (die deutsche, die französische und die türkische) vertreten, die in manchen Hinsichten nicht unterschiedlicher sein könnten. Da fallen mir gleich drei große Themen ein, wo die Einsichten nicht kontrastreicher sein könnten: Stillen, Schlafen und Tagesbetreuung.

In Frankreich wird eine Frau teilweise komisch angeguckt, wenn sie mehr als drei Monate stillt – klar, 95% (gefühlt, die wahren Zahlen kenne ich nicht) der Frauen gehen nach 3 Monaten wieder arbeiten – wie soll sich das mit Stillen vereinbaren lassen? Schläft das Kind mit 2 Monaten nicht durch, kriegt man dort oft zu hören: „Gib ihm Abends doch einfach eine Flasche“. In Frankreich entscheiden sich außerdem viele Frauen bewusst vor der Geburt dagegen, ihr Kind zu stillen, z.B. weil sie wollen, dass der Papa auch an den sehr intimen Momenten der Nahrungszufuhr Teil haben kann und somit eine intensive Beziehung von Anfang an zu seinem Kind aufbauen kann. In Deutschland oder in der Türkei wird es wiederum eher kritisch angesehen, wenn eine Mutter gar nicht versucht, zu stillen, und es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Kind mit anderthalb Jahren noch gestillt wird.

In Frankreich ist es unvorstellbar, dass ein Kind mit drei Jahren noch im Elternschlafzimmer („wie, sogar im Elternbett?!“) schläft. In Deutschland wird es von immer mehr Familien so gemacht und in der Türkei ist es schon längst eine ganz gewöhnliche Sache. 

In Frankreich gehen die meisten Kinder schon mit drei Monaten zur Tagesmutter, weil beide Eltern wieder Vollzeit arbeiten (die meisten aus dem einfachen Grund, dass sie das Geld brauchen oder weil sie Angst haben, vom Chef schlecht angesehen zu werden). In Deutschland gehen die meisten Kinder erst mit einem oder zwei Jahr(en) in die Kita; aus türkischer Sicht (vor allem der aktuellen Großeltern-Generation) wird eher kritisch angesehen, dass ein Kind unter drei Jahren nicht die meiste Zeit des Tages mit der Mutter oder einer nahestehenden Person wie der Oma seine Zeit verbringt. 

Das nur als kleiner Überblick. Es sind so viele potenzielle „Problem“-Themen, die Eltern aus multikulturellen Familien vor Herausforderungen stellen können. 

Unsere Eltern, in unserem Fall, könnten in ihrem Verhalten, in ihren Gewohnheiten nicht unterschiedlicher sein – klar, sie wurden völlig unterschiedlich sozialisiert, haben ganz andere Erfahrungen in ihrem Leben gemacht, die sie zu den Menschen machen, die sie heute sind. Und auch wir, die Eltern, wurden anders sozialisiert und haben teilweise eine unterschiedliche Bereitschaft, unseren Standpunkt mal zu erweitern bzw. zu ändern. Manchmal braucht es einfach Zeit, und das müssen beide Partner akzeptieren können.  

Ich jedenfalls habe gelernt, unseren multikulturellen Familienkosmos mit sehr positiven Augen zu betrachten denn wir haben ein großes Glück: wir haben nämlich die Wahl! Wir haben die Möglichkeit, unseren eigenen Standpunkt immer wieder mit fremden Augen zu reflektieren und den für uns sich richtig anfühlenden Weg auszusuchen! Wir kreieren unsere eigenen Familientraditionen.  

Für mich gibt es drei goldene Regeln, die für einen entspannten multikulturellen Familienalltag notwendig sind: 

  • Lernen, nicht alles kritisch aufzunehmen. Hat Ihre Mutter oder Ihre Schwiegermutter was gesagt was Sie erstmals als Kritik rausgehört haben? Vielleicht war das gar keine Kritik, sondern bloß ein Mitteilen ihrer Gedanken in dem Moment. Sie sorgt sich schließlich ja genauso wie Sie um Ihr Kind – nur aus ihrer Perspektive.
  • Lernen, dem Fremden zu begegnen. Die Person, die Ihnen gegenüber steht, von der Sie die Einsicht in dem Moment vielleicht nicht teilen und sogar vielleicht gar nicht verstehen können, hat eine andere Sozialisation, ein anderes Wissen als Sie. Vielleicht ist der von ihr gegebene Hinweis nach Reflektion gar kein so schlechter Tipp? 
  • Lernen, offen zu kommunizieren. Es gibt etwas was Ihnen am Herzen liegt, was die Ihnen gegenüber stehende Person aber irgendwie nicht verstehen will? Reden Sie ganz offen mit ihr darüber und erkläre Sie warum Ihnen das so wichtig ist; sei es wenn der Grund nur lautet: „ich will meine eigene Erfahrung machen, auch wenn sich dann herausstellt, es war die falsche Entscheidung“. 

Jetzt wo unser Kind alle drei Sprachen so toll spricht – und auch gerne spricht – denke ich mir, dass die Herausforderungen, die der multikulturelle Alltag mit sich so bringt, nicht umsonst sind. Heute weiß ich, wie wichtig es ist, eine positive Einstellung gegenüber allen betroffenen Kulturen zu haben. Nur so kann das Kind eine – für den Spracherwerb notwendige – positive Bindung zu den unterschiedlichen Sprachen aufbauen.

Ein wichtiger Teil dieses Bindungsprozesses beruht auf der Einstellung der Eltern gegenüber der jeweils anderen Sprache (und indirekt der anderen Kultur). Ein guter Weg, Ihrem Kind diese positive Einstellung zu vermitteln besteht darin, ein aktives Interesse für die andere Sprache zu zeigen – zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie Lust haben, diese Sprache zu lernen bzw. zu sprechen; es wird sicherlich begeistert sein!

Fangen Sie einfach damit an, dabei zu sein, wenn Ihr Partner/Ihre Partnerin sich mit Ihrem Kind ein Buch anguckt. Anhand der Bilder und der einfachen Handlungen können Sie unglaublich schnell Wörter lernen. Ihr Kind wird Ihnen schon bald Vokabeln beibringen, was ihm in seiner Sprachkompetenz und somit in seiner Motivation, die Sprache zu lernen, bestärken wird.

Wird die jeweils andere Sprache von beiden Eltern einigermaßen (zumindest passiv) beherrscht, so sind gute Voraussetzungen da, um eine Beziehung zu den Großeltern aufzubauen und sich gegenseitig besser zu verstehen. Vor allem kann dann die Zeit wo die Großeltern da sind genutzt werden, um Familiengespräche in dieser einen Sprache zu führen, was die Sprachentwicklung Ihres Kindes ganz gewiss stark positiv beeinflussen wird. 

Und Sie, wie haben Sie die Zeit nach der Geburt in der multikulturellen Familie erlebt? Wie gehen Sie mit unterschiedlichen (kulturbedingten) Einstellungen um? Welche Rolle spielen Sprachbarrieren?