Ein Thema, das mir immer wieder begegnet – in Gesprächen mit Eltern, in meinen Coachings, in den sozialen Medien und aktuell auch in politischen Debatten ist:
„Wenn ein Kind mehrsprachig aufwächst, dann kann es am Ende keine Sprache richtig .“ Vielleicht hast du diesen Gedanken selbst schon einmal gehabt. Oder ihn von außen gespiegelt bekommen. Und vielleicht verunsichert er dich. Wenn es der Fall ist, dann bleib dran und lass uns heute darüber sprechen.
Das negative Bild von Mehrsprachigkeit im öffentlichen Diskurs
Obwohl laut Statistik etwa jedes fünfte Kind in Deutschland mehrsprachig aufwächst [1], wird Mehrsprachigkeit in der Gesellschaft häufig noch als Hürde oder Problem wahrgenommen. Besonders deutlich wird das aktuell im deutschen öffentlichen Diskurs, wonach viele Kinder im Vorschulalter zu geringe Deutschkenntnisse haben, um später in der Schule gut mithalten zu können.
Dabei wird häufig implizit vermittelt, dass Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen – oder allgemein mehrsprachig aufwachsen – automatisch Probleme in der deutschen Sprache haben. Das halte ich für sehr problematisch denn das stimmt einfach nicht. Anstatt zu stigmatisieren, sollte viel eher nach den Ursachen geschaut werden und überlegt werden, wie wir von Anfang an – auch als Gesellschaft – die richtigen Rahmenbedingungen für diese Kinder schaffen können, anstatt sie zu stigmatisieren.
Und schon einmal vorweg: Mehrsprachigkeit an sich bedeutet nicht, dass dein Kind es in der Schule schwerer haben wird. Darüber sprechen wir heute noch.
Doppelte Halbsprachigkeit: Kann es das wirklich geben?
Der Begriff der „doppelten Halbsprachigkeit“ wird verwendet, um eine unzureichende Kompetenz in zwei Sprachen zu beschreiben. Gemeint ist, dass ein Kind sich in keiner der beiden Sprachen wirklich sicher ausdrücken kann – häufig vor allem im literarischen bzw. Literacy-Bereich, also beim Lesen und Schreiben. Dieser Begriff ist problematisch, denn er suggeriert Defizit, Mangel und Scheitern – und wird oft pauschal auf mehrsprachig aufwachsende Kinder angewendet. Jedoch sollte die (Sprachlern-)Biografie jedes einzelnen Kindes immer genauer betrachtet werden.
Es kann durchaus passieren, dass Kinder in beiden oder allen Sprachen eine gewisse Kompetenz erlangen, diese aber in keiner Sprache so ausgeprägt ist wie bei einsprachigen Kindern. Das kann zum Beispiel passieren, wenn sie häufiger von einem Land in ein anderes umgezogen sind und keine konstante Sprachumgebung hatten. Oder wenn in ihrem familiären Umfeld die Umgebungssprache nicht gesprochen wird und auch nicht rechtzeitig der nötige Kontakt zu dieser Sprache ermöglicht wird.
Man könnte dies als „doppelte Halbsprachigkeit“ bezeichnen. Aber ich mag diesen Begriff nicht. Warum? Weil er die Kompetenz des Kindes ausblendet. „Doppelte Halbsprachigkeit“ klingt negativ, vermittelt Mangel und Defizit, obwohl die Realität anders aussieht: Kinder, auf die es zutrifft, können sich in verschiedenen Sprachen fließend ausdrücken – eine unglaublich wertvolle Kompetenz. Der Wortschatz ist nur leider häufig noch nicht weit genug ausgeprägt, um zum Beispiel in der Schule problemlos mithalten zu können.
Wenn solche Schwierigkeiten auftreten, liegen die Ursachen immer in den Rahmenbedingungen, nicht in der Mehrsprachigkeit an sich. Ja, es kann vorkommen, dass Kinder sich in keiner ihrer Sprachen wirklich sicher fühlen. Aber nicht, weil sie mehrsprachig sind, sondern weil: keine klare Sprachstrategie im Alltag besteht – Sprachen zwar gesprochen, aber nicht bewusst gefördert werden – und wichtiger sprachlicher Input fehlt.
Neulich hat mich eine Mama kontaktiert, die sich Sorgen um ihr Kind macht. Ihr Kind – im jugendlichen Alter – hat Schwierigkeiten, weil es sich weder in der einen noch in der anderen Sprache sicher fühlt. Sie seien mehrmals umgezogen – von Land zu Land. Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen: ohne Schuldzuweisungen, sondern klar und lösungsorientiert.
Ein Kind, das in den ersten zehn Lebensjahren mehrfach umzieht oder zwischen Sprachräumen wechselt, sammelt unglaublich viele Kompetenzen. Vielleicht fehlt gerade die Sicherheit in der Schulsprache – aber das bedeutet nicht, dass etwas „schiefgelaufen“ ist. Entscheidend ist der Blick auf die vorhandenen Kompetenzen – und darauf aufzubauen.
So kannst du dein mehrsprachiges Kind unterstützen
Kinder brauchen für schulischen Erfolg vor allem eines: Ausdruckskraft. Sie brauchen Wortschatz und sie müssen mit komplexeren Texten und Gesprächen in Berührung kommen. Aber nicht übers Üben, sondern über das Erleben spannender Gespräche oder das Hören und Lesen von Geschichten, die sie spannend finden, mit denen sie sich emotional verbinden können.
Sprache wächst durch Beziehung, Interaktion aber auch – und das ist ganz wichtig – durch Freude und Emotion. Also hier immer schauen und überlegen: Wie können wir das für unser Kind ermöglichen – auch wenn wir diese eine Sprache nicht direkt mit ihm sprechen? Wie können wir dafür sorgen, dass es genug und einen qualitativ hohen Input in dieser Sprache erhält? zum Beispiel indem ich bewusst die Kita-Auswahl treffe – dazu habe ich bereits ein Video gedreht, ich verlinke es dir in der Beschreibung.
Und ein weiterer wichtiger Punkt ist, als Elternteil dafür zu sorgen, die literarische Kompetenz in der Herkunftssprache oder den Herkunftssprachen bewusst und aktiv zu fördern. Denn indem ich eine Sprache stärkere, stärkere ich automatisch die andere.
Die gute Nachricht ist: Wenn wir die richtigen Grundlagen schaffen, kann sich die Landessprache genauso gut entwickeln wie bei einsprachigen Kindern. Worte, die ich an der Stelle immer wieder zitiere sind die Worte von R. Tracy: „Das Gehirn ist jedenfalls kein Behälter, in dem der einer Sprache zur Verfügung stehende Platz beschränkt wäre. Lernzuwächse in der einen Sprache bedeuten keinen Verlust für die andere.”[2] . Diese Worte bringen es so schön auf den Punkt: Ja, mehrsprachig aufwachsende Kinder können eine starke Kompetenz in den verschiedenen Sprachen entwickeln – wir müssen ihnen nur dafür die passenden Bedingungen bieten.
Schluss
Der Begriff „doppelte Halbsprachigkeit“ greift zu kurz. Kinder lernen Sprachen kontextabhängig, durch Erfahrungen, durch echte Begegnungen. Wortschatz ist dabei das A und O – und er entsteht durch Leben und Erleben.
Wenn du wissen möchtest, welche Rahmenbedingungen dein Kind braucht, um seine Mehrsprachigkeit voll zu entfalten und eine gute Kompetenz in allen Sprachen zu entwickeln, dann nutze gern meinen Mehrsprachigkeits-Check.
Denk dran: Mehrsprachigkeit ist kein Risiko. Sie ist eine Ressource.
Quellen
[1] Galina, Putjata; David-Erb, Melanie (2025): Expertise: Mehrsprachigkeit an Schulen in Deutschland, Robert Bosch Stiftung, S.2.
[2] Tracy, R. (2014): „Mehrsprachigkeit: Vom Störfall zum Glücksfall”, in: Krifka, Manfred; Blaszczak, Joanna; Leßmöllmann, Annette; Meinunger, André; Stiebels, Barbara; Tracy, Rosemarie; Truckenbrodt Hubert (Hrsg.) (2014): Das mehrsprachige Klassenzimmer. Über die Muttersprachen unserer Schüler, Springer Verlage, S. 30.