„Mein Kind ist einfach nicht so sprachaffin, deswegen klappt es bei ihm nicht mit der Mehrsprachigkeit.“ Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Oder bei sehr bewegungsfreudigen Kindern höre ich auch „Mein Kind ist eben eher der sportliche Typ. Es ist ständig in Bewegung und interessiert sich nicht so für Sprache und Sprachen.“
Aber wie viel Wahrheit steckt da drin? Kann es tatsächlich sein, dass manche Kinder einfach nicht sprachaffin sind und deshalb Mehrsprachigkeit bei ihnen nicht funktioniert?
Nein, so einfach ist es nicht.
Natürlich entwickelt sich jedes Kind anders. Manche Kinder sprechen früh sehr viel, andere sind zunächst eher zurückhaltend. Manche haben schon früh Freude an Wörtern, Geschichten und Büchern, während andere ihre Umwelt zunächst stärker über Bewegung, Spiel oder andere Aktivitäten entdecken.
Aber daraus folgt nicht, dass ein Kind „nicht sprachaffin“ ist oder nicht mehrsprachig werden kann.
In diesem Artikel erfährst du:
- warum Mehrsprachigkeit nur sehr begrenzt eine Frage der Persönlichkeit ist
- welche Voraussetzungen Kinder mitbringen
- wie du dein Kind unterstützen kannst.
1. Persönlichkeit und Sprachentwicklung
Ja, die Persönlichkeit eines Kindes kann tatsächlich eine Rolle in der Sprachentwicklung spielen. Ein sehr offenes und selbstbewusstes Kind wird sich eher trauen, eine Sprache zu aktivieren, die es noch nicht gut beherrscht und wird eher nach Interaktionen suchen, die die Grundlage für den Spracherwerb sind. Ein eher schüchternes oder vorsichtiges Kind braucht vielleicht länger.
Das bedeutet aber nicht, dass es diese Sprache nicht lernen kann. Es bedeutet lediglich, dass Kinder unterschiedliche Wege gehen, um Sprache zu erwerben und zu nutzen.
Und genau deshalb sollten wir die Persönlichkeit unserer Kinder natürlich berücksichtigen – aber wir sollten sie nicht als Erklärung dafür heranziehen, warum Mehrsprachigkeit angeblich nicht funktioniert.
Denn ob ein Kind tatsächlich – d.h. kompetent und aktiv mehrsprachig wird – hängt vor allem davon ab, welche sprachlichen Möglichkeiten seine Umgebung ihm bietet. Wie wird mit Sprachen und Sprache umgegangen? Wie wird kommuniziert und interagiert? Und vor allem: Welche Funktion haben die Sprachen für das Kind?
Das sind entscheidende Fragen.
Die Annahme, dass Kinder, die eher bewegungsorientiert sind, tendenziell sprachlich hinterher liegen, ist auch falsch.
Bewegung und Sprache sind keine Gegensätze. Ganz im Gegenteil: Sie gehen miteinander einher.
Und das weiß ich nicht nur aus meiner Arbeit, sondern auch aus eigener Erfahrung.
Meine Kinder sind beide sehr bewegungsfreudige Kinder. Beide sind früh mit 10 und 11 Monaten gelaufen und sind heute noch mit ihren 10 und 4 Jahren ständig in Bewegung. Und mit den Sprachen läuft es wunderbar.
Kinder lernen Sprache nicht, wenn sie still sitzen und üben. Sie lernen in der natürlichen Interaktion und sie lernen ganz besonders in Bewegung und im Spiel, in Situationen, in denen Sprache eine echte Funktion bekommt. Denken wir an Wörter wie “Achtung” oder “höher” (beim Schaukeln) oder “Fang mich!”.
Natürlich gibt es individuelle Unterschiede in der sprachlichen Entwicklung. So kommen wir zum zweiten Punkt: Die Voraussetzungen.
2. Welche Voraussetzungen bringen Kinder mit?
Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit: unter Anderem auf der kognitiven, genetischen, körperlichen oder auditiven Ebene. Und diese haben einen Einfluss auf die Art und Weise, wie Sprache sich entwickelt.
Doch ob ein Kind, das von Anfang an mehrsprachig aufwächst, auch aktiv kompetent mehrsprachig werden kann, hängt nicht von solchen Voraussetzungen ab, sondern von äußerlichen Voraussetzungen: was im Umfeld passiert, welchen Input es in den verschiedenen Sprachen bekommt und vieles mehr.
Mehrsprachigkeit ist also kein Talent, das manche Kinder haben und andere nicht. Es ist vielmehr etwas, das sich durch Interaktion, Zeit, Erfahrung und geeignete Rahmenbedingungen entwickelt.
FAZIT
Nein, es gibt keine Kinder, die einfach „nicht sprachaffin genug“ für Mehrsprachigkeit sind.
Kinder sind unterschiedlich – und genau das dürfen und sollten wir berücksichtigen. Aber jedes Kind, das von Anfang an mehrsprachig aufwächst, kann aktiv und kompetent mehrsprachig werden.
Es ist keine Frage von „Sprachtalent“. Entscheidend sind vielmehr die Rahmenbedingungen, in denen ein Kind aufwächst, und die Möglichkeiten, die es bekommt, seine Sprachen zu hören, zu erleben und selbst zu verwenden.
Du möchtest wissen, welche Voraussetzungen ihr als Familie für die Mehrsprachigkeit mitbringt und wie du dein Kind in eurer Situation bestmöglich begleiten kannst?
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